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Das Bauhausgebäude Dessau: Ikone der Moderne

Das 1925 bis 1926 errichtete Gebäude von Walter Gropius gilt als der Inbegriff der „Klassischen Moderne“. Nach dem politisch erzwungenen Umzug des Bauhauses von Weimar nach Dessau bot sich hier die Chance, die funktionalistischen Prinzipien erstmals konsequent in einem großen Maßstab umzusetzen.

Daten & Fakten im Überblick

MerkmalDetails
ArchitektWalter Gropius (in Zusammenarbeit mit Carl Fieger und Ernst Neufert)
BauzeitSeptember 1925 bis Dezember 1926 (nur ca. ein Jahr!)
StandortGropiusallee 38, 06846 Dessau-Roßlau
Bruttorauminhaltca. 42.500 m³
Baukostenca. 900.000 Reichsmark
StatusUNESCO-Weltkulturerbe (seit 1996)

Die Bauzeit: Ein logistischer Kraftakt

Die Bauzeit war für die damaligen Verhältnisse – und die Komplexität des Entwurfs – extrem kurz.

  • März 1925: Der Dessauer Gemeinderat beschließt den Neubau.
  • September 1925: Erster Spatenstich.
  • März 1926: Das Richtfest wird gefeiert.
  • 4. Dezember 1926: Feierliche Einweihung vor über 1.000 Gästen.

Dass ein derart innovatives Gebäude in nur 15 Monaten fertiggestellt wurde, lag an der Verwendung moderner industrieller Baumethoden und der engen Verzahnung der Bauhaus-Werkstätten, die den Innenausbau (Möbel, Leuchten, Textilien) übernahmen.

Der Untergrund und das Fundament

Für Bauhistoriker besonders interessant ist die technische Basis des Gebäudes. Dessau liegt in der Elbauenlandschaft, was spezifische Anforderungen an die Statik stellte.

  • Bodenbeschaffenheit: Der Baugrund besteht primär aus quartären Sanden. Diese sind zwar tragfähig, neigen aber bei unterschiedlichen Belastungen zu Setzungen.
  • Gründung: Aufgrund der lockeren Sandböden wurde das Gebäude auf einer Stahlbeton-Plattenfundamentierung errichtet. Dies verhinderte Risse durch ungleichmäßige Lastverteilung der asymmetrischen Gebäudeflügel.
  • Keller: Das Gebäude ist teilweise unterkellert (insbesondere der Werkstattflügel und das Prellerhaus), wobei die Betonwände gegen drückendes Grundwasser abgedichtet werden mussten.

Konstruktion und Bauweise

Gropius trennte strikt zwischen tragendem Skelett und nicht-tragender Hülle. Dies war damals eine bautechnische Sensation.

  1. Skelettbau: Die Tragstruktur besteht aus einem Stahlbetonrahmen. Dies ermöglichte den Verzicht auf massive Außenwände.
  2. Die Vorhangfassade (Curtain Wall): Der Werkstattflügel ist fast vollständig verglast. Die Glasfront ist über die Ecken geführt und lässt den Blick auf das tragende Skelett im Inneren frei. Die Fassade „hängt“ quasi vor dem Skelett.
  3. Materialien: Eisen, Beton und Glas dominieren. Um Kosten zu sparen und die Ästhetik zu glätten, wurde an vielen Stellen Putz verwendet, der dem Gebäude sein charakteristisches strahlendes Weiß verleiht.

Raumprogramm: Die Trennung der Funktionen

Das Gebäude ist nicht als kompakter Block, sondern als flügelartiges Ensemble konzipiert, das man umschreiten muss, um es zu verstehen. Die Funktionen sind klar getrennt:

  • Werkstattflügel: Mit der berühmten Glasfassade.
  • Berufsschule: Durch eine Brücke (die das Direktorat enthielt) mit den Werkstätten verbunden.
  • Atelierhaus (Prellerhaus): Wohnheim für Studierende mit den ikonischen kleinen Balkonen.
  • Festsaal/Mensa: Das verbindende Element im Zentrum.

Die Chronik der Restaurierung: Vom Trümmerfeld zum Welterbe

1. Kriegszerstörung und „Notjahre“ (1945 – 1972)

Am 7. März 1945 wurde Dessau schwer bombardiert. Das Bauhausgebäude erlitt Volltreffer, die vor allem den Werkstattflügel und die Brücke trafen.

  • Schadensbild: Die ikonische Glasvorhangfassade wurde fast vollständig vernichtet. Das Mauerwerk des Nordflügels blieb weitgehend stabil, aber das Innere brannte teilweise aus.
  • Interimslösung: In den 1950er Jahren wurde das Gebäude nur notdürftig repariert. Die große Glasfront wurde durch einfaches Mauerwerk mit Standardfenstern ersetzt, was das Erscheinungsbild massiv entstellte. Das Gebäude wurde in dieser Zeit unter anderem als Berufsschule genutzt.

2. Die „Reko 76“: Die Wiedergeburt zum 50. Jubiläum

Zum 50. Jahrestag der Einweihung (1976) beschloss die DDR-Führung eine umfassende Rekonstruktion. Das Bauhaus war inzwischen als „erbe-würdig“ anerkannt worden.

  • Die Aluminium-Fassade: Da die ursprüngliche Stahlkonstruktion der Fenster als zu wartungsintensiv galt, ersetzte man sie 1976 durch eine Konstruktion aus schwarz eloxiertem Aluminium. Optisch kam dies dem Original nah, bauphysikalisch war es jedoch ein Kompromiss.
  • Verlust von Originalsubstanz: Ironischerweise wurden bei dieser Sanierung viele noch erhaltene Originalfenster ausgebaut und entsorgt (oder landeten, wie sich später herausstellte, in privaten Kleingärten der Umgebung).

3. Die Generalsanierung (1996 – 2006)

Nach der Ernennung zum UNESCO-Weltkulturerbe 1996 begann eine neue Ära der Denkmalpflege unter der Leitung der Stiftung Bauhaus Dessau.

  • Archäologie der Moderne: Man suchte gezielt nach den 1976 ausgebauten Originalteilen. Tatsächlich konnten originale Fensterflügel in Dessauer Schrebergärten identifiziert, zurückgekauft und restauriert werden.
  • Materialtreue: Ein Schwerpunkt lag auf der Wiederherstellung der ursprünglichen Farbigkeit (nach Befunden von Hinnerk Scheper) und der Bodenbeläge. So wurde das seltene Triolin (ein Linoleum-ähnlicher Belag) in den Fluren originalgetreu nachproduziert.
  • Philosophie: Man entschied sich für ein „Schichten-Modell“. Anstatt alles auf 1926 zurückzusetzen, blieben wertvolle Spuren der späteren Phasen (auch der DDR-Moderne) dort erhalten, wo sie die Geschichte des Hauses erzählten.

4. Aktuelle Phase: Erhalt & Forschung (seit 2020)

Auch ein Denkmal der Moderne altert. Seit 2020 läuft ein umfangreiches Monitoring, unterstützt durch die Wüstenrot Stiftung.

  • Das Fassaden-Problem: Die Aluminium-Konstruktion von 1976 zeigt heute erhebliche Mängel (Risse, Verformungen). Aktuell wird untersucht, wie diese Fassade – die nun selbst als Denkmal der DDR-Zeit gilt – energetisch und statisch für die Zukunft gesichert werden kann, ohne das filigrane Erscheinungsbild zu zerstören.
  • Präventive Konservierung: Es wurde ein digitaler „Pflegeplan“ entwickelt, der jeden Quadratmeter des Gebäudes erfasst, um Schäden durch Licht, Feuchtigkeit und Besucherströme frühzeitig zu erkennen.

Bauhistorische Besonderheit: Die „Fenster-Odyssee“

Die Fenster der Brücke und des Nordflügels wurden 1976 durch vereinfachte Nachbauten ersetzt. Erst im Zuge der Generalsanierung um das Jahr 2000 wurden die originalen Stahlprofile von 1926 wieder eingesetzt, nachdem sie jahrzehntelang als Gewächshausfenster zweckentfremdet worden waren.

Fazit für die Bauhistorik

Das Bauhaus Dessau markiert den Moment, in dem die Architektur ihre ornamentale Last abwarf und sich der industriellen Logik verschrieb. Es ist ein Triumph der Ingenieurskunst über die Tradition – gebaut auf einfachem Sand, aber mit einer Vision, die bis heute weltweit jedes Stadtbild prägt.

© Text bauhistorik.com 2026 / © Bild A.Savin

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